Freitag, 2. November 2007
Nicht bei Trost (Haiku, endlos) Z. 12'340-12'446

das Licht frühmorgens im Herbst
ist mehr als eine
jahreszeitlich bedingte
Restmenge von Licht
unbemerkt bleibt oft lange
was sich hinzufügt
und doch immer schon da war
hier aber: Wortbruch
weggeschlagen vom Sprachblock
splittern die Zeilen
[12350] Sinnplatten abgesprengt den
Satzadern entlang
Rohlinge auf dem Papier
wirre Schriftkeile
selbst die Lautstuckatur fällt
dem Bröckeln anheim
löst sich vom Innenraumgrund
alles Sagbare
muss gesagt werden bevor
das Unerhörte
sich zeigt und übrigbleibt als
Reststille nach dem
Erlahmen der Stimmbänder
wenn endlich der Griff
der Gedanken sich lockert
und uns der Atem
unbefrachtet belüftet
vorläufig jedoch
vivomi intra due
né sì né no und
es erwacht mit mir täglich
ein neuer Zweifel
der nichts bestätigt der nichts
zu tun hat mit mir
der ein Schleifpapier ist das
die Oberfläche
bearbeitet des Wassers
grobkörnig krampfhaft
will er den Durchstoss hemmen
der Dinge die zum
Auftauchen entschlossen sich
einschleusen in den
Sturzbach meiner Empfindung
ich will den Dingen
ein Ding sein und an ihnen
mich festhalten bis
sie sich abwenden von mir
unser Schattenwurf
zeigt in dieselbe Richtung
die Zeit zerreibt uns
zu Staub mit derselben Kraft
das Blätterrauschen
im Sommer unterscheidet
sich nicht vom Rascheln
meiner Gedanken im Herbst
diese kärgliche
Ding-Redlichkeit erklärt nichts
doch reibt sich an ihr
unbeholfen das Denken
so dass es immer
[12400] mehr nicht versteht als versteht
ich hole Atem
atme den immergrünen
Schatten der Zirbel
die ihre Äste biegt und
sich hinlegt lange
bevor der Schneefall einsetzt
und Winterstürme
über die Felder fegen
der Atem holt mich
mit der verwirbelten Luft
die ein Sperling mir
zufächelt flügelschlagend
und sorglos (senza
stolta cura e senza
vana ansia)
zugleich seh ich von innen
wie meine Stirnhaut
sich glättet ich erkenne
Wangen und Lippen
verfärben sich bläulich und
die Nase das Kinn
werden spitzig die Augen
verlieren den Glanz
es ist als wäre ich kurz
vor dem Erwachen
(und wache ich auf bin ich
noch immer bei dir?)
so folgt eines dem andern
es gibt keinen Tod
kein Abgrund ist der letzte
nichts trennt uns von der
copia de le cose
alles bleibt fruchtbar
in unzähligen Welten
davon sind Steine
und die Flechten an ihnen
zutiefst überzeugt
ihre Stille zeigt dass sie
frei sind von Zweifel
doch diese Übersicht bleibt
mir verwehrt ich selbst
steh mir im Weg als blinder
Flecken von dem aus
gedacht wird so bleibt es mir
leider unmöglich
etwas ganz zu verstehen

12368: "... ich lebe zwischen zweien, nich Ja, nicht Nein ..." Francesco Pertrarca, Canzoniere, 168, in: ders., Das lyrische Werk. Canzoniere, Triumphe, Verstreute Gedichte, Düsseldorf 2002, S. 272.

12371: Gegen das "Cogito-Argument". Descates: "Cogito ergo sum." / "Je pense, donc je suis" (Discours de la méthode, IV und Principia Philosophiae, I, § 7. – Vgl. bereits bei Augustinus, De civitate dei, XI, 26: "Si enim fallor, sum" ("Wenn ich mich täusche, gibt es mich.").

12442-12448: Vgl. Warlam Schalamow, Durch den Schnee. Erzählungen aus Kolyma 1, Berlin 2007, S.222-224.

12413-12415: "Eccone dumque fuor d'invidia, eccone liberi da vana ansia e stolta cura ..." ("So sind wir also fernab von jedem Neid, frei von leerer Angst und törichter Sorge, ...") Giordano Bruno, De l'infinito, universo et mondi. Über das Unendliche, das Universum und die Welten [1584], Italienisch-Deutsch, übers., komm. und hg. von Angelika Bönker-Vallon, Hamburg, 2007, S. 34f. (Einleitungsschreiben).

12417-12423: Vgl. Beschreibungen des sog.
"hippokratischen Gesichts", des Gesichts von Sterbenden kurz vor dem Tod.

12426: Psalm 139,18b (Übersetzung Martin Buber).

12429-12432: : "non esser morte, ..." – "perché ne è noto un mondo in cui sempre cosa succede a cosa; senza che sia ultimo profondo, ... Non sono fini, termini, margini, muraglia che ne defrodino e suttragano la infinita copia de le cose." ("Denn wir kennen eine Welt, in der immer eine Sache der anderen folgt, ohne dass es einen letzten Abgrund gäbe ... Es gibt keine Enden, Grenzen, Ränder, Mauern, die uns der unendlichen Fülle der Dinge beraubten und diese uns entzöge.") Giordano Bruno, a.a.O, S. 36f.

zum volltext, Fr, 2. Nov. 2007, 10:42h, link

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Last update: 2007.04.27, 10:54
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"Nicht bei Trost"
a never-ending Haiku
(Z.0000-6000)
erschienen in der
edition haus am gern

gb., in 3 Teilen, mit 62 Abbildungen, 2004
ISBN 3-9522196-6-5
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