Donnerstag, 4. Oktober 2007
Nicht bei Trost (Haiku, endlos) Z. 12'244-12338

ein Text kann stockend gerinnen
und nur noch eines
Wachhundes Ausharren sein)
der ab und an sein
heiseres Husten abbellt
freudlos Arpeggien
durchhechelt hinaufheult
[12251] und wieder hinab
den Rand des Fahrplans entlang
der nur verzeichnet
was ohne Sprache ankommt
das heisst vor allem
Formen der Gleichgültigkeit
festgeschraubt Schranken
die sich zu nichts verpflichten
nur danach trachten
jegliches Atemholen
ausser Reichweite
von den Wörtern zu halten
doch die Wortherde
lässt sich nicht aussperren sie
bricht durch die Zäune
umringt die verlorenen
Laute und Silben
holt sie zurück in den Satz
(den ich hier schreibe
im Café Centrál an der
Károlyi utca
während im Városliget
eine junge Frau
in den Büschen sorgfältig
ihre Wolldecke
und ein Plastictuch versteckt
nicht dieselbe Not
doch ähnlich der Umgang mit
dem was viel wert ist)
mag wohl sein dass leichter reist
wer alles los lässt
doch beunruhigen mich
solche Sätze nicht
(ich frage mich nur wie kann
einer behaupten
er lasse alles und braucht
doch Wörter dazu?)
nur wem es schliesslich gelingt
auch das Loslassen
zu lassen mag beruhigt
wieder reden und
das tun die meisten zum Glück
das Thema Mystik
ist somit umfassend zur
Sprache gekommen
Meister Eckehart predigt
deutsch und deutlich denn
er will dass wir festhalten
an dieser Übung:
[12300] etwas nicht zu verstehen
auch Wolfgang Bächler
übt wenn er beim Einschlafen
meint es wachse ihm
ein Baum aus der Brust (wobei
er an Bronchitis
und ans Zu-viel-Rauchen denkt)
mit dem Baum wächst er
durch die Decke durchs Dach und
hinaus aus dem Haus
mir stösst kein Baum aus der Brust
eher wächst Gestrüpp
und Unkraut im mich hinein
zufrieden mit der
mageren Krume webt es
durch Schotter und Kies
haarig durstig sein Flechtwerk
durchwuchert vergnügt
mein Inneres die Inseln
werden umgarnt wo
die Empfindung mich wahrnimmt
aus dem Leib löst sich
wolkig heraus das Gewicht
trübt mir die Sinne
bis ich endlich erwache
mich wieder finde
in der Anziehungskraft der
wartenden Dinge
die mich diesmal erschrecken
so dass ein Schrei sich
losreisst als Schmerz der erkennt
der eine Wendung
erzwingt die das Nichts fernhält
jeder Augenblick
entreisst uns etwas wenn er
anuns vorbeigeht
Wundenentstehen deren
Zusammenshluss wird
einst die Pupille die sieht

12180: Horaz, Ars poetica, 25: "... brevis esse laboro, obscures fio" ("Versuche ich mich kurz zu fasssen, werde ich dunkel."

12191: Jean-Paul Satre, Die Wörter [les mots, 1964], Hamburg 1980, S. 137f.: „Man schreibt für seine Nachbarn oder für Gott. Ich beschloss für Gott zu schreiben, mit dem Ziel, meine Nachbarn zu retten.“

12202: Verweigerungssatz, den Bartleby der Schreiber im Roman Bartleby, der Schreiber [Bartleby, the Scrivener] von Herman Melville (Berlin 2004) immer wiederholt.

12235-12238: „Before an affliction is digested, consolation ever comes too soon; and after it is digested, it comes too late.“ Laurence Stern, The Life and Opinions of Tristran Shandy, Gentlemen, London 1759-67, v. III, c. 29.

123001-12309: Wolfgang Bächler (1925-2007), Der Baum. Das Gedicht erschien in „die horen“ 2. Quartal 2007, S. 4: „Als ich einschlief dachte ich, / es wäre eine Bronchitis / oder ich hätte nur zuviel geraucht, / Doch dann wuchs mir / ein Baum aus der Brust, ….“

12333-12335: Horaz, Epistulae II, Epist. 2, v. 55: "singula de nobis anni praedantur euntes" ("jedes Jahr, das vorbeigeht, nimmt etwas von uns weg".

zum volltext, Do, 4. Okt. 2007, 16:49h, link

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Last update: 2007.04.27, 10:54
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"Nicht bei Trost"
a never-ending Haiku
(Z.0000-6000)
erschienen in der
edition haus am gern

gb., in 3 Teilen, mit 62 Abbildungen, 2004
ISBN 3-9522196-6-5
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