Donnerstag, 6. September 2007
Nicht bei Trost (Haiku, endlos) Z. 12'179-12'246

bis auch in kurzen
Sätzen nichts Dunkles mehr ist
den Dingen wird so
hinzugefügt was sie sich
immer schon wünschten
sich in Wörtern und Sätzen
wiederzufinden
als eine Hörform des Lichts
(des urersten das
vom Anfang herscheint sichtbar
jedoch nur ohne
Nötigung zumBetrachten)
ich schreibe weder
für Gott noch für die Nachbarn
sondern weil Dinge
erheitert sein wollen wenn
sie sich mir zeigen
während ich unterwegs bin
stes bedacht mich auf
keine bestimmte Richtung
festzulegen und
[12200] das Falten zur Gewohnheit
strikt zu vermeiden
„I prefer not to“ ist ein
schwerblütiger Satz
der das Spiel verweigert das
doch schon im Gang ist
so müsste reden sein wie
nicht-reden damit
Offenes zugänglich bleibt?
weder das eine
noch das andere sondern
es zählt das etwas
der Sprache anheimfällt sich
übersetzen lässt
aus dem verschwiegenen Einst
(mit Laut und Zeichen)
in das besprochene Jetzt
wobei die Herkunft
das Hören anlocken soll
diese Textarbeit
(die mich öfters entmutigt)
dient einzig dazu
die aufdringliche Buntheit
und das sich wuchernd
auftürmende Gerede
in meinem Innern
herabzustimmen wieder
hin zum Verstummen
die Übersicht ergibt sich
gewinnt an Schärfe
am Horizont taucht dieses
auf was nicht ich ist
also das Ich und die Andern
eine Beschreibung
der Welt genau wie sie ist
(„bevor ein Kummer
verdaut ist kommt der Trost
zu früh und wenn er
verdaut ist kommt er zu spät“
könnte sein dass dies
auch Antrieb ist für Texte
die meinen ohne
Ende bleiben zu müssen
denen Gefahr droht:
ein Text kann stockend gerinnen
und nur noch eines
Wachhundes Ausharren sein)

12179: Horaz, Ars poetica, 25: "... brevis esse laboro, obscures fio" ("Versuche ich mich kurz zu fasssen, werde ich dunkel."

12191: Jean-Paul Satre, Die Wörter [les mots, 1964], Hamburg 1980, S. 137f.: „Man schreibt für seine Nachbarn oder für Gott. Ich beschloss für Gott zu schreiben, mit dem Ziel, meine Nachbarn zu retten.“

12202: Verweigerungssatz, den Bartleby der Schreiber im Roman Bartleby, der Schreiber [Bartleby, the Scrivener] von Herman Melville (Berlin 2004) immer wiederholt.

12235-12238: „Before an affliction is digested, consolation ever comes too soon; and after it is digested, it comes too late.“ Laurence Stern, The Life and Opinions of Tristran Shandy, Gentlemen, London 1759-67, v. III, c. 29.

zum volltext, Do, 6. Sep. 2007, 09:32h, link

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"Nicht bei Trost"
a never-ending Haiku
(Z.0000-6000)
erschienen in der
edition haus am gern

gb., in 3 Teilen, mit 62 Abbildungen, 2004
ISBN 3-9522196-6-5
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